Test: Polyend MESS – Kreativeffekt für elektronische Musik
Mit dem Polyend MESS gibt es nach langer Zeit mal wieder eine externe Multieffekt-Unit, die über einen internen Sequencer verfügt. Manche erinnern sich noch an Sugarbytes Effectrix 2, der dieses Konzept auch schon überzeugend als Plugin lieferte. Aber nicht jeder möchte immer mit Software arbeiten, zumal ein Hardwaregerät gerne auch einen anderen Workflow mit sich bringt. Hier kommt nun der Polyend MESS ins Spiel, ein Multieffektgerät mit gut klingenden Effekten und internem Sequencer.
Polyend MESS – das wichtigste in Kürze
- Multieffekt-Gerät mit vier Effekten gleichzeitig
- Über 120 Effektalgorithmen
- Effektsteuerung über internen Sequencer
- Sequencer polymetrisch
- Solide verarbeitet, aber noch fehlen ein paar Features
- Perfekt für kreative Effektsettings, aber auch überzeugend bei Standardanwendungen
Polyend MESS Test – Erster Eindruck und Verarbeitung
Einmal angeschlossen fällt sofort das helle und kontrastreiche Farbdisplay auf. Hier werden die wichtigsten Informationen auf maximal zwei Menüseiten dargestellt. Das robuste Aluminiumgehäuse, die sauber eingelassenen Bedienelemente und das helle, kontrastreiche Display machen sofort klar: Der MESS ist ein Live-Gerät.
Die Bedienoberfläche ist aufgeräumt, logisch angelegt und lässt sich auch ohne Handbuch schnell erfassen. Die Potis wackeln zwar minimal, überzeugen aber durch einen angenehmen Drehwiderstand. Auch die kleinen Steptaster aus Gummi reagieren zuverlässig und geben den Status per LED wider. Die gummierte Unterseite sorgt bei hektischen Live-Performances dafür, dass der MESS stabil auf dem Tisch bleibt.
Anschlüsse
An der Rückseite finden wir alles, was man in einem modernen Setup braucht:
- Stereo Out (L/R, 6,3 mm Klinke)
- Stereo In (6,3 mm Klinke)
- Expression-Pedal-Eingang
- MIDI In/Out (3,5 mm TRS)
- USB-C
Erwähnenswert ist, dass man über den USB-C-Port auch MIDI-Clock senden und empfangen kann. Dazu muss man den Port zwar kurz im Display anwählen, aber die zusätzliche Flexibilität kam mir schon sehr gelegen.

Die Effektalgorithmen
Im Mess gibt es über 125 Stereo-Effektalgorithmen – mit einer beeindruckenden Bandbreite, die Standards ebenso abdeckt, wie ausgefallene Effektvarianten. Lediglich Dynamikprozessoren wie Kompressor hätte ich mir noch gewünscht, da diese im Verbund sehr spannende Ergebnisse liefern.
Dabei stellt der Polyend MESS Effekte der folgenden Kategorien bereit:
Reverbs
Das reichhaltige Sortiment von Reverbs reicht von kleinen Räumen bis zu großen Halllandschaften, wobei die großen Ambiences mich mehr überzeugen, als kleine Räume.
Delays
Das Angebot reicht hier von klassischen Digital-Delay, Simulationen anloger BBDs, bis hin zurhythmischen Multi-Delays. Gerade hier hätte ich mir häufig gewünscht, tiefer in den Klang eingreifen zu können. Bei Delays benötige ich oft Feedback, Time (links & rechts), sowie EQ (im Feedback-Weg). Und so gibt es einige Algorithmen, die mir klanglich richtig gut gefallen, für den Live-Einsatz dann aber z.B. Feedback fehlt.
Granular & Glitch
Texturen, Zerstückelungen und zerfallene Audiofragmente, perfekt für experimentelles Sounddesign. Sobald Granular-Effekte aktiviert sind, muss man allerdings etwas auf Audio-Dropouts achten. Denn in Verbund mit großen Hallräumen scheint dem Polyend MESS dann doch etwas die Puste auszugehen.

Wave-Shaper, Overdrive & Filter
Sättigungen, Bitcrushing, Distortion, Formantfilter – alles, was Klangcharakter formt. Wem das Filter zu zahm klingt, kann das Audiosignal mit Waveshaper und Overdrive in wirkliche Extreme fahren.
Pitch Shift & Spectralize
Harmonizer-artige Strukturen und spektrale Transformationen. Die Qualität des Pitch Shifters ist eher durchschnittlich und es wird schnell körnig. Wenn man diesen Effekt eher als Kreativtool und nicht als matürlich klingenden Harmonizer begreift, geht das Gebotene aber völlig in Ordnung.
Slicers & Microloopers
Rhythmische Repeater, Stutter- und Loop-Effekte, mit denen sich Beats oder Melodien komplett umformen lassen. Von kurzen Loops, bis hin zu rückwärts laufenden Stereo-Effekten, die einem gestoppten Tape ähneln – diese Algorithmen spielen ihre Stärken im Verbund mit dem Sequencer aus.
Die Qualität der Algorithmen liegt klar über dem Durchschnitt: Die Reverbs klingen dicht und dreidimensional, Delays sind musikalisch und definierbar, und die spektralen sowie granularen Effekte öffnen klanglich echte Welten.
Einziger Kritikpunkt: Manche Algorithmen bieten nur begrenzten Parameterzugriff. Hier wünscht man sich teils tiefere Editiermöglichkeiten oder sogar einen optionalen Software-Editor.
Interner Sequencer – Das Kernelement des Polyend MESS
Hier spielt der MESS seine wahre Stärke aus. Jeder der vier Effekt-Tracks lässt sich unabhängig voneinander sequenzieren – mit eigener Länge, Geschwindigkeit und Startpunkt.
Das bedeutet: Polymetrische Strukturen sind problemlos umsetzbar und helfen dabei, Sequenzen über die Zeit hinweg spannend zu gestalten.
Jeder Step kann Parameteränderungen enthalten – etwa Feedback, Reverb-Time oder Filterfrequenz – und diese lassen sich mit Wahrscheinlichkeiten und Zufallsfunktionen versehen. Dadurch entstehen sich ständig wandelnde Klanglandschaften, die im Live-Betrieb ebenso funktionieren wie im Studio.
Man kann Effekte pro Step aktivieren, automatisieren oder komplett durchwechseln. So verwandelt sich ein statischer Hall schnell in ein dynamisches Pattern aus Raum, Delay und Zerstörung.

Beim Sequencer haben mir vor allem drei Dinge gefehlt. Ein Parametersmoothing zwischen einzelnen Steps, damit man abrupte Änderungen bei Bedarf weichzeichnen kann.
Zusätzliche Modulationsquellen wie LFOs, die man beliebig auf Parameter routen kann, würden noch mehr Bewegung ermöglichen. Und drittens fand ich es schade, dass man den Transportbefehl nicht pro Preset speichern kann. Live möchte ich nicht immer, dass der Sequencer gleicht mitläuft. Per Play-Taster die Wiedergabe zu stoppen, ist zwar ein Kompromiss, im hektischen Live-Setup bin ich aber froh über jede Automation.
Polyend MESS Test – Fazit
Der Polyend MESS ist mehr als ein Multi-FX-Gerät – er ist ein Effekt-Instrument. Seine Kombination aus hochwertigen Algorithmen und einem leistungsstarken, polymetrischen Sequencer hebt ihn deutlich von der Konkurrenz ab. In Verbindung mit Drum Machines (z. B. Elektron, Polyend Play) oder einem Synth-Rig entfaltet der MESS eine enorme Ausdruckskraft. Für Live-Performer, Ambient-Künstler und Sounddesigner ist das Teil ein echtes Kreativlabor.
Die Verarbeitung ist top, die Bedienung intuitiv, und die Vielzahl unterschiedlicher Effekte lädt zum Experimentieren ein. Wer klassische Multieffekte sucht, wird hier zwar auch bedient, nutzt aber bei weitem nicht das vorhandene Potential. Wer Klang als bewegtes, performatives Material versteht, wird den MESS schnell ins Herz schließen.