Vermona Retroverb Lancet Test: Federhall für elektronische Musik

Vermona Retroverb Lancet Test

Das komplett analog aufgebaute Retroverb Lancet von Vermona ist zwar schon einiger Zeit erhältlich, aufgrund seiner ausgefallenen Konzeption aber immer noch ein Geheimtipp, wenn es um authentischen Spring-Reverb Sound geht. Wie gut der Federhall ist und was ihn so besonders macht, erfahrt ihr im Vermona Retroverb Lancet Test. Wie immer starten wir aber mit einem Video zur Einstimmung in den Test.

Vermona Retroverb Lancet mit Novation Circuit Tracks

Vermona Retroverb Lancet Test: Warum überhaupt ein Federhall?

Neben all den hervorragenden Hall- und Raumeffekten, sowie spezialisierteren Reverbs mit Shimmer-Alorithmen, stellt man sich möglicherweise die Frage, warum man heutzutage überhaupt noch auf eine derart alte Technologie setzen sollte.

Zum einen ist da natürlich der unvergleichbar dichte, metallische Klang, den ein analoger Federhall erzeugt. Reverb-Geräte dieser Art klingen alles andere als natürlich. Ihr charaktervoller Sound hat sich in einigen Genres – allen voran Dub und Dub Techno – zum unverzichtbaren Hall-Standard entwickelt.

Zum anderen kommt eine physikalische Eigenschaft ins Spiel, die unmittelbaren Einfluss auf den Klang hat: Ein Federhall erzeugt den Raumklang über metallene Schraubenfedern, die locker in einem Rahmen eingespannt sind. Lässt man die Vorrichtung in Ruhe, arbeitet der Federhall völlig normal. Wirkt man aber direkt auf den Rahmen ein, etwa, indem man gegen das Gehäuse stößt oder die Federn mit einem Holzstock berührt, überträgt sich das direkt auf das Audiosignal. Dadurch sind spannende Effektsounds möglich, die der ein oder andere vielleicht schon einmal als „beckenartige Snare“ in Dub-Tracks wahrgenommen hat.

Der Federhall im Retroverb Lancet

Die Steuerelemente des Federhalls befinden sich allesamt auf der linken Seite des Gehäuses. Hier bestimmt man mithilfe des Tone-Reglers den Obertonanteil des Federhalls und legt fest, ob der Federhall vor oder nach der Filtersektion, bzw. überhaupt nicht wirken soll.

Im Inneren des Retroverb Lancet befinden sich drei Federn, die eine Nachhallzeit von 2,75 bis 4 Sekunden erzeugen. Der Federhall klingt wie erwartet recht dicht, allerdings hätte ich mir gerade deswegen auch gewünscht, dass der Tone-Regler bidirektional arbeitet; Also statt nur Höhen wegzufiltern ab der 12-Uhr-Stellung vom LP-Modus in einen HP-Modus zu wechseln. Zwar ist das in der Filtersektion per HP-Betriebsart möglich, schön wäre es dennoch gewesen, hier auch über diese Option zu verfügen.

Vermona Retroverb Lancet Test: Reverb-Sektion links
Die Sektion links ist für den Federhall zuständig

Ein witziges Add-on ist die „Crash-Taste“. Muss man bei vielen Spring Reverbs noch wie im Mittelalter mühsam mit Schmackes gegen das Gehäuse treten um den Effekt zu erzeugen, hat Vermona hierfür an einen eigenen Taster gedacht. Dieser löst das gewünschte „Sproing / Crash“ direkt aus und ist tatsächlich sogar einigermaßen sinnvoll nutzbar.

Die Filtersektion

Zur Soundbearbeitung verfügt das Retroverb Lancet über ein analoges Multimode-Filter, das wahlweise vor oder hinter dem Hall arbeitet. Das Filter ist für mich auch ein echtes Highlight in diesem Effektgerät: Es bietet einen satten cremigen Sound, wie man ihn schon von anderen Vermona-Geräten kennt.

Vermona Retroverb Lancet Test: Filter
Vermona Retroverb Lancet Test: Filter

Um der Ausdünnung bei hohen Resonanzwerten entgegen zu wirken, hat Vermona dieser Sektion zusätzlich einen „Balls“-Regler hinzugefügt, der Eingangssignalen zusätzlich ein gutes Stück Tiefenschub mitgibt. Ich habe den Regler gerne auch dann eingesetzt, wenn ich das Filter völlig geöffnet und den Hall deaktiviert hatte. Denn mit diesem Parameter kann man auch etwas zu lasche Bass-Drums ordentlich aufwerten. Zieht man dann noch den Drive-Regler nach oben, bekommt man eine Sättigung die sich besonders gut für Kick- und Bass-Sounds eignet.

Die Filtersektion hinterlässt einen sehr guten Eindruck. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre es noch die Betriebsart „Notch“, um das Signal des Federhalls im unteren Mittenbereich gezielt ausdünnen zu können.

Modulationsmöglichkeiten

Ähnlich vielseitig wie die Filtersektion, überraschen auch die Modulationsmöglichkeiten des Retroverb Lancet. Zur Steuerung von Lautstärke und Filter-Cutoff gibt es hier neben einem umfangreichen ausgestatteten LFO noch eine Attack Decay/Release Hüllkurve, sowie externe Trigger/CV-Eingänge, um die Modulationen von außen auszulösen.

Vermona Retroverb Lancet Test: LFO und Hüllkurve
Vermona Retroverb Lancet: LFO und Hüllkurve

LFO

Der LFO bietet insgesamt fünf Schwingungsformen (Saw, Dreieck, Pulse), sowie Sample & Hold, und die integrierte Hüllkurve. Der LFO ist schnell genug, um auch in den hörbaren Bereich zu schwingen. Das eröffnet neben den klassischen Wah-und Tremolo-Modi ein größeres klangliches Spektrum, das duch die hohen Geschwindigkeiten auch vokale Sounds umfasst.

Hüllkurve

Neben dem LFO kann man dem Sound noch mit der Hüllkurve Bewegung mitgeben. Diese stellt regelbar Attack und Decay/Release bereit und lässt sich wahlweise über den Trigger-Eingang oder ein externes Audiosignal triggern. In letzterem Fall legt man per Drehregler fest, ab welcher Signallautstärke der Triggervorgang ausgelöst wird.

Die Hüllkurve ist schnell genug und in Kombination mit dem fein dosierbaren Threshold sind auch subtile Modulationen möglich. Übrigens kann man beim Retroverb Lancet immer beide Modulationsquellen gleichzeitig verwenden und separat dosieren.

Vermona Retroverb Lancet Test: Fazit

Mit dem Retroverb Lancet richtet sich Vermona vor allem an puristische Liebhaber des Federhall-Sounds. In dieser Disziplin liefert das Effektgerät auch kompromisslos ab. Denn der eingbaute Federhall klingt metallisch dicht und die zahlreichen Möglicheiten zur Nachbearbeitung stellen einen echten Mehrwert dar. Selbst, wenn man die Hallsektion außen vor lässt, eigent sich der Retroverb Lancet immer noch hervorragend zum Anfetten digitaler Signale.

Wer nur gelegentlich etwas Spring-Reverb-Flair in seinen Produktionen benötigt, kann auf das Retroverb Lancet verzichtzen. Viele Spring-Reverb-Emulationen sind mittlerweile einfach gut genug, solange man nicht das letzte Quäntchen Authentizität braucht. Puristen sei dieser Federhall jedoch auf jeden Fall ans Herz gelegt. Und nimmt man all die Möglichkeiten zur Klangbearbeitung hinzu, relativiert sich auch der anfangs recht hoch wirkende Preis von knapp 480 €. Dass das Retroverb zudem noch hervorragend verarbeitet ist, rundet den durchaus gelungenen Gesamteindruck ab.

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